Otto-Grüneberg-Ehrung 2026

Vor 95 Jahren wurde am 1.2.1931 der Jungkommunist und Aktivist in der ‚Roten Jungfront‘ des illegalisierten Rotfrontkämpferbundes, Otto Grüneberg von Mitgliedern des SA-Sturm 33 (Maikowski) vor seiner Wohnung in der Schlossstraße (im Volksmund wurde dieses damalige rote Arbeiterviertel auch mit Hochachtung „Kleiner Wedding“ genannt) in Charlottenburg erschossen. Er war nicht der erste Tote im antifaschistischen Kampf in Charlottenburg. Mehr als 10.000 Menschen begleiteten seinen Sarg (und den von Max Schirmer, KPD) zum Friedhof Friedrichsfelde.

Aus diesem Anlass hielten etwa 70 Anwesende deutlich mehr als eine Stunde aus bei eisiger Kälte und kämpferischen Reden von insgesamt 8 Rednerinnen und Rednern. (Uwe Bröckl, Vorstand VVN-VdA Berlin; Enrico Brehm, Bezirksvorstand Die Linke; Christoph Wapler, MdA Die Grünen; Olivia Schmitt, DKP; Uwe Hiksch, stv. Landesvorsitzender Die NaturFreunde; Timur Saric, SPD-Bezirksverordneter; Flip, FaJOC; Max Renkl, Freundeskreis Ernst Thälmann). Musikalisch begleitet wurde die antifaschistische Veranstaltung des Bündnisses unter Federführung der Westberliner VVN-VdA von den VORWÄRTS Liederfreunden mit kämpferischen Liedern der Arbeiterbewegung.

Inhaltliche Schwerpunkte der Reden waren die Forderungen nach einem Verbot der AfD, Kampf gegen staatliche Repressionen und den geplanten Um- und Abbau des Sozialstaats, sowie gegen den weiteren Ausbau des staatlichen Repressionsapparates. Ganz wichtig seien alle Aktionen gegen die geplante und schon begonnene Wehrertüchtigung und Kriegsmobilisierung und gegen die irrsinnigen Rüstungsausgaben zu Lasten des Sozialen. Alle jungen Männer wurden aufgefordert, den Wehrdienst zu verweigern.

Der Abschlussredner vom Freundeskreis Ernst Thälmann, Max Renkl, forderte dringend dazu auf, im Kampf gegen die Rechtsentwicklung von Gesellschaft und Staat Trennendes beiseite zu schieben und als Antifaschistinnen und Antifaschisten gegen die reaktionäre Entwicklung in Deutschland zusammenzuarbeiten. Mit dem recht neuen, von Vielen dank ausgeteilter Liedertexte textsicher mitgesungenen Songs „Wir sind das Bollwerk gegen Nazis“ klang die Veranstaltung aus.

Rüdiger Deißler



Rede von Flip (FaJOC):

https://fantifacharlottenburg.noblogs.org/gedenken-an-otto-grueneberg-redebeitrag-zum-01-02-2026/


Rede von Olivia Schmitt (DKP):

Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde,

wir stehen heute hier, um Otto Grünebergs zu gedenken – eines jungen Kommunisten, der sein Leben im Kampf gegen den Faschismus ließ. Mit nur 22 Jahren wurde er am 1. Februar 1931 vor seiner Haustür von SA-Männern überfallen und erschossen. Er hatte sich gewehrt, er hatte Zeugenschaft gegen Faschisten übernommen, er hatte seinen Kiez verteidigt – und er wurde ermordet.

Seine Mörder kamen mit lächerlichen Strafen davon. Einer wurde freigesprochen, die anderen nach wenigen Monaten entlassen. Zehn Monate Haft für ein ausgelöschtes Leben. Zehn Monate, die vorwegnahmen, was kommen sollte: die Herrschaft des Hitler-Faschismus, der millionenfache Mord.

Aber wir sind nicht nur hier, um zu erinnern. Wir sind hier, weil Ottos Kampf nicht vorbei ist. Weil das, wofür er starb, heute wieder aktuell ist – und weil wir eine Wahl haben: schweigen oder kämpfen.

Vor kurzem, am 5. Dezember, gingen 55.000 Menschen in über 70 Städten auf die Straße. Sie sagten Nein zur Aufrüstung, Nein zur Wehrpflicht. Zehntausende Schülerinnen und Schüler bestreikten ihren Unterricht, unter Androhung von Verweisen, unter Polizeiaufgebot. Sie ließen sich nicht beirren. Ihre Botschaft war klar: Wir geben unser Leben nicht für ihre Kriege.

Was damals Otto widerfuhr – Einschüchterung, Gewalt, staatliche Repression –, erleben heute junge Menschen wieder. Wer sich weigert, wer Nein sagt zur Militarisierung, wird sanktioniert. Wer für den Frieden streikt, riskiert Verweise. Währenddessen werben Soldaten in Klassenzimmern, normalisiert sich die Rhetorik der „Kriegstüchtigkeit“. Das ist kein Zufall. Das ist System.

Schon Karl Liebknecht sagte vor über hundert Jahren: „Die Schule ist in ihrem Gesamtcharakter ein politisches Propagandamittel für den Krieg, ein Hilfsinstrument der Kriegswirtschaft, ein Werkzeug der Kriegsfinanzen. Sie ist ein besonderes Mittel zur Erziehung für den Krieg!“

Was damals galt, gilt heute wieder. Schulen sollen keine Orte freien Denkens sein, sondern Orte der Anpassung. Sie sollen junge Menschen früh auf Gehorsam trimmen, auf Opferbereitschaft, auf nationale Interessen. Die Seelen der Jugend, wie Liebknecht sagte, werden eingefangen, zugunsten des Kapitalismus, zugunsten des Militarismus.

Otto Grüneberg hat das nicht einfach hingenommen. Er hat sich organisiert , im Roten Frontkämpferbund, im Häuserschutz, er hat Nachbarn verteidigt. Er wich keinen Zentimeter. Er wusste: Wer den Faschismus bekämpfen will, muss ihn beim Namen nennen und muss sich wehren.

Heute erleben wir wieder faschistische Tendenzen: reaktionären Staatsumbau, bewaffnete Rechtsradikale, Hetze gegen Migrantinnen und Migranten, Abschiebegesetze, die Menschen ins Elend stoßen, und natürlich die Militarisierung der ganzen Gesellschaft. „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“: das darf keine Floskel bleiben. Das muss unsere politische Praxis werden.

Doch ich sehe auch Hoffnung. Hoffnung in der Jugend, die aufsteht. Hoffnung in denen, die wie Otto nicht schweigen. Die sich weigern, Kanonenfutter zu werden. Die verstehen, dass Kriege nicht aus Missverständnissen entstehen, sondern aus einem System, das Profite über Menschen stellt.

Rosa Luxemburg schrieb: „Die Massen sind das entscheidende Element, sie sind der Fels, auf dem der endgültige Sieg der Revolution gebaut wird.“
Und Karl Liebknecht rief: „Ich sage Ihnen: Selbst die geistige Befreiung der Arbeiterklasse, ihre Befreiung von den Fesseln geistiger Unterdrückung, kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Und es ist unsere Aufgabe, der Arbeiterklasse aller Länder auch bei dieser Gelegenheit zuzurufen: „An die Arbeit!“

Also: Tun wir was wir unseren Genossen versprochen haben und gehen an die Arbeit! Lasst uns die Schulstreiks unterstützen. Lasst uns auf die Straße gehen gegen die Militarisierung. Lasst uns in den Betrieben, in den Schulen, in den Nachbarschaften Widerstand organisieren. Nicht nur gegen die Wehrpflicht – gegen das ganze System, das den nächsten großen Krieg vorbereitet.

Otto Grüneberg hat sein Leben gegeben. Er hat nie heiraten können, nie Kinder haben, nie reisen, nie einfach nur lachen. All das wurde ihm genommen. Aber sein Kampf geht weiter – in uns.

Wir schwören dir, Otto:
Wir werden dein Erbe tragen. Wir werden kämpfen – für dich, für alle Gefallenen, für eine Welt ohne Faschismus, ohne Krieg, ohne Ausbeutung. Wir werden nicht zulassen, dass dein Tod umsonst war.

Der Sozialismus wird siegen – weil wir ihn erkämpfen.

Heraus zum nächsten Schulstreik! Heraus auf die Straße! Kein Fußbreit den Kriegstreibern!

Otto Grüneberg, lebendig in unserem Kampf!


Rede von Max Renkl (Vorsitzender des Freundeskreises „Ernst Thälmann“ Ziegenhals-Berlin)

Danke für die Möglichkeit hier sprechen zu dürfen. Mein Name ist Max Renkl, ich bin Vorsitzender des Freundeskreises „Ernst Thälmann“ Ziegenhals Berlin.

Es freut uns sehr, dass wir heute hier gemeinsam dem jungen Arbeiter und Kommunisten Otto Grüneberg gedenken. Gemeinsam, das heißt über ideologische und weltanschauliche Grenzen, über Partei- und Organisationsgrenzen hinaus, gedenken wir hier als Antifaschistinnen und Antifaschisten einem der unsrigen, der von den braunen Schläger- und Mörderbanden ermordet wurde. Wir gedenken dem kommunistischen Arbeiterwiderstand – nicht gerade üblich in West-Deutschland und West-Berlin. Bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland stand der Antikommunismus Pate. Ich muss hier nicht die personelle Kontinuität zwischen Nazi-Deutschland und der BRD in Parteien, Bundestag, in Medien, Justiz, Polizei, Militär einzeln aufzählen. Ehemalige NSDAP-Mitglieder bauten die junge BRD mit auf, schrieben ihre Gesetze, prägten ihre Institutionen. In einem solchen Deutschland war kein Platz für ein ehrendes Gedenken an Kommunisten oder Sozialdemokraten, da war kein Platz für Denkmäler, die dem opferreichen Arbeiterwiderstand gegen das Hitlerregime in Deutschland gewidmet waren. In einem solchen Deutschland wurde die KPD 1956 verboten und SPD-Politiker als „Handlanger Moskaus“ öffentlich diffamiert. In diesem Deutschland dauerte es bis in die 80er Jahre hinein, bis jemand wie von Stauffenberg überhaupt geehrt wurde. Bis dahin galt der Hitler-Attentäter als Vaterlandsverräter und Deserteur.

Wie ehren heute hier Otto Grüneberg, einen jungen Kommunisten, einen Arbeiter – nicht zum Selbstzweck. Dieses Gedenken muss zur Tat werden, indem wir verstehen, dass wir als Antifaschistinnen und Antifaschisten – unabhängig von Weltanschauung und Partei- und Organisationsmitgliedschaft – zusammenstehen müssen. Die Nazis machen zwischen uns Antifaschisten keinen Unterschied. Wann beginnen wir eigentlich ernsthafte Schritte aufeinander zu? Wir müssen keine Freunde fürs Leben werden, wir müssen nicht mit allem einverstanden sein, was jemand aus einer anderen Partei oder Gruppe sagt. Aber wir müssen es meines Erachtens verstehen, dass es niemand anderes gibt als uns Antifaschistinnen und Antifaschisten und: Das wir es jeweils alleine nicht schaffen.

Wenn wir nicht wollen, dass es abermals die Nazis sind, die uns auf Friedhöfen, in ihren Lagern und Folterkellern „vereinigen“, dann müssen wir uns – allen Unterschieden zum Trotz – gegen den aufkommenden Faschismus zusammenschließen. Die größte Ehre würden wir dem vor 95 Jahren ermordeten Otto Grüneberg erweisen, indem wir uns als eine antifaschistische Front begreifen, die zusammenstehen und handeln muss. Kein Vergeben, kein Vergessen. Tod dem Faschismus!