John Schehr und Genossen

John Schehrs und seiner Genossen wurde diesmal am 7.2.2026 gedacht.

Der Schäferberg, die Stelle, an der die Genossen hinterrücks erschossen wurden, liegt sehr abseits der Großstadt und ist schlecht zu erreichen.

Trotzdem haben sich zahlreiche KameradInnen und GenossInnen eingefunden und das Bündnis um diesen Tag der Ehrung konnte erweitert werden: Zur VVN-VdA und der VVN-BdA Potsdam kam Die Linke Steglitz-Zehlendorf dazu. Monika Pilarski aus Potsdam sprach die Einführung, Brigitte Renkl von der VVN-VdA setzte sich in ihrem Vortrag u.a. mit der Gedenkkultur in Ost- und West-Deutschland auseinander, die Historikerin Dr. Almuth Püschel sprach für die VVN-BdA Potsdam. Ein sehr erfrischender Beitrag kam von der Co-Vorsitzenden der Partei Die Linke, Bettina Günter.

Die VVN-VdA, die aus geopolitischen und historischen Gründen für die Westberliner Bezirke zuständig ist, wird sich nun vermehrt um Steglitz-Zehlendorf bemühen, gemeinsam mit der Partei Die Linke.

Rede von Brigitte Renkl:

Der DDR wird von den vereinigten Historiker-Wessis vorgeworfen – im Zuge eines angeblich „staatlich verordneten Antifaschismus“ –, die im Kampf gegen den Hitler-Faschismus Gefallenen generell, die gefallenen Kommunistinnen und Kommunisten im Besonderen verklärt, heroisiert zu haben.

Man muss es daher immer wieder einmal festhalten: In der DDR jedenfalls sind keine NPD, keine Reps, keine DVU und keine AfD groß geworden, in der DDR sind keine Krupps, Flicks, Quandts wieder hochgekommen wie in Westdeutschland. Und während dort 1956 Kommunisten wieder illegal wurden und ehemalige KZ-Häftlinge, weil Kommunisten, wieder im Zuchthaus saßen, haben sie in der DDR Respekt und Anerkennung, Ansehen und Ehrung erfahren als diejenigen, die mit ihrem Leben dafür einstanden, dass die Welt mit der Bezeichnung „Deutscher“ nicht nur Mord, Folter, Massenvernichtung, Auschwitz verbindet.

Solche Menschen, solche Genossen und Kameraden ehren wir heute – und tun es schon seit 1954 als Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Schaut sie Euch an, die vier Genossen: John Schehr (Schlosser, geboren 1896 in Altona, EKKI), Eugen Schönhaar (Feinflaschner, geboren 1898 in Esslingen, IAH, KJI), Erich Steinfurth (Schlosser, Eisenbahner, geboren 1896 in Mittenwalde, Rote Hilfe) und Rudolf Schwarz (Schlosser, geboren 1904 in Berlin, RFB). Allesamt führende Genossen der KPD, alle aus der Arbeiterklasse stammend, Kollegen, die wussten, was harte Arbeit ist, wie Lohnknechtschaft schmeckt, in den Klassenkämpfen gegen Obrigkeit und Kapital gestählt, gewählt vom Volk in Reichstag und Landtage. Vergleicht sie mit solchen „Führern“ wie Joseph Goebbels, Prokuristen-Sohn, wie Hermann Göring, Sohn eines hohen Kolonialbeamten, Heinrich Himmler, Vater Oberstudiendirektor, oder dem „Gröfaz“, diesem streuenden Hund aus dem Spießbürgertum, wie die anderen drei unfähig zu irgendeiner anständigen Arbeit.

Während sich die späteren Nazi-Führer schon früh für Krieg und Militarismus entschieden, mussten unsere Genossen in den Ersten Weltkrieg ziehen. Im Feld stehend, entschieden sie sich für den Widerstand, traten der USPD bei, die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte und der auch Spartakus mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beigetreten war.

Besonders gedenken wollen wir heute des Genossen John Schehr, der am 9. Februar vor 130 Jahren geboren wurde.

John Schehr war Schlosser und arbeitete im Hamburger Hafen, selbstverständlich gewerkschaftlich organisiert, mit 16 schon politisch bei der Arbeiterpartei SPD, während des Krieges in der USPD und seit dieser Zeit mit Ernst Thälmann verbunden. Sie sind für die Oktoberrevolution in Russland, für die Novemberrevolution in Deutschland, ohne schon an führender Stelle zu stehen. Sie halten es in der USPD aus, bis auch die Massen davon überzeugt sind, dass diese Partei den Weg des Verrats, der Kapitulation und des „dritten (Irr-)Weges“ geht. 1920 tritt unter Thälmanns und Schehrs Führung fast die ganze Hamburger USPD zur KPD über. Stichworte zu dieser Zeit: Aufstand in Berlin, Bayerische Räterepublik, bewaffnete Kämpfe in Mitteldeutschland, Kapp-Putsch und Rote Ruhrarmee. Es folgt eine Zeit der ansteigenden Inflation, der Massenverelendung. Doch die Genossen verlieren den Mut nicht.

Überliefert ist folgendes Ereignis: März 1921 in Hamburg. Die Polizei hatte wieder ein Massaker unter den Hamburger Arbeitern angerichtet, als vor einem Demonstrationszug von darüber aufgebrachten Werftarbeitern mit Thälmann und Schehr an der Spitze ein Panzerwagen der Polizei mit einem herumkrakeelenden Polizeioffizier vorfuhr. Thälmann: „Warum schreet de so, Jonny?“ Schehr zurück: „De het Angst!“ Thälmann lachend: „Genau!“

„Jonny“ stieg auf in der KPD zum ZK-Sekretär und Mitglied des Politbüros. Nach der Verhaftung Thälmanns am 3. März 1933 wurde er faktisch zum Vorsitzenden der Partei und damit zum Führer der ersten Phase des organisierten Widerstands gegen den deutschen Faschismus, wozu Thälmann auf der Ziegenhalser Tagung am 7. Februar aufgerufen hatte. Unter größten Schwierigkeiten – während alle bürgerlichen Parteien sich auflösten und die SPD-Führung sich nach Prag verabschiedete, während die verbliebenen SPD-Führer wie Paul Löbe den Vorstand von Juden säuberten und die Hitlersche Außenpolitik als „Friedenspolitik“ begrüßten – wurde unter Schehrs Leitung trotz brutalster Verfolgung ein illegaler Widerstand aufgebaut auf der Basis der Einheitsfront, die stets Schehrs besonderes Anliegen war.

Stefan Jagielka schreibt in den „Mitteilungen der KPF“: „Unter seiner Führung gelang es der KPD, unter großen Opfern die illegale Organisation in Deutschland zu stabilisieren, ohne dabei jedoch den Offensivgeist, der diese Generation prägte, zu verlieren. Dieser revolutionäre Optimismus in der Zeit des blutigen faschistischen Terrors wird heute von den ‚Spätgeborenen‘ oft belächelt. Damit legte aber die Partei den moralischen und organisatorischen Grundstein, auf dessen Basis die KPD in den Jahren der Hitler-Diktatur ihren Widerstand ununterbrochen fortsetzen konnte.“

Am 13. November 1933 wurde Schehr aufgrund von Verrat (durch Alfred Kattner) von der Gestapo verhaftet. Trotz bestialischer Folter hielt er stand. Überliefert ist seine Erklärung bei einem Verhör: „Ich erkläre, dass ich über die Tätigkeit der Organisationen der Kommunistischen Partei Deutschlands, über meine politische Arbeit, über die meiner Mitarbeiter keine Aussage zu machen habe. Mein Leben dient der Arbeiterklasse, dem Frieden, der Demokratie und dem Sozialismus. Ich bin und bleibe ein Feind des Faschismus.“ Von Parteien, die damals auf ganzer Linie versagten und ins Niemandsland verschwanden oder bei den Nazis unterkrochen, müssen sich die KPD und solche herausragenden Genossen wie Schehr nicht wegen angeblicher „Fehler“ belehren lassen. Wenn wir uns die Fragen ansehen, vor denen wir heute stehen, bekommt man vielleicht (bei aller Vorsicht mit historischen Vergleichen und Analogien) ein Verständnis dafür, wie schwierig das Herausfinden von richtigen Positionen ist.

Sollen wir heute, da der Aufstieg der AfD gefährliche Ausmaße annimmt, dazu schweigen, was die SPD-Führung und die bürgerlichen Parteien, was Ampel und Merz/Söder/Klingbeil anrichten und dadurch direkt den Faschisten in die Hände spielen, sollen wir mit einer SPD- und Gewerkschaftsführung, mit den Führungsgremien der Evangelischen Kirche eine Einheit gegen die Faschisten suchen, von Einheits- oder Volksfront gar nicht zu reden, obwohl sie der Aufrüstung, der Vaterlandsverteidigung das Wort reden?

Sollen wir heute in das Geschrei über Wladimir Putin, Russland und die VR China einstimmen, wissend, was die NATO, was die Imperialisten der USA und Deutschlands in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gegen diese Länder im Schilde führten und führen? Man muss Putin nicht lieben, aber man kann kein konsequenter Antifaschist sein, wenn man für die NATO, die Aufrüstung und die Militarisierung ist. Wissen wir nicht spätestens seit den direkten Verhandlungen Donald Trumps mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, dass der Krieg in der Ukraine ein Krieg ist, der Russland von den USA mit ihren NATO-Verbündeten aufgezwungen wurde?

Mögen unsere Nachgeborenen nachsichtig mit uns sein angesichts der vielen Schwierigkeiten, der Entscheidungen, die wir getroffen haben und der Fehler, die wir dabei begangen haben und noch begehen werden.

Am 1. Februar wurden unsere vier Genossen, zuletzt Häftlinge im ersten Berliner KZ Columbia-Haus, hinterrücks ermordet. „Auf der Flucht erschossen“, hieß es. Bürgerliche Historiker bringen die Ermordung als Vergeltung der Gestapo für das „Ausschalten“ des Verräters Kattner – angeblich durch die KPD – ins Spiel. Das soll die Totalitarismus-Fabel (rechts gleich links) bedienen und die Kämpfer gegen den Faschismus mit den Faschisten gleichsetzen. Gänzlich ausgeblendet wird, dass zur gleichen Zeit Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und dem Hitler-Regime stattfanden über die Ausreise Georgi Dimitroffs, des Helden des Reichstagsbrandprozesses. Die Wut der Nazis über ihre Niederlage vor der ganzen Weltöffentlichkeit und damit die Rachegelüste waren immens. Dimitroff war mit Urteil vom 23. Dezember 1933 freigesprochen worden, wurde aber vom Nazi-Regime weiter in „Schutzhaft“ als Geisel gehalten. Schließlich konnte er im Februar 1934 als Staatsbürger der Sowjetunion das faschistische Deutschland verlassen.

Zum Schluss möchte ich zurückkommen auf den Anfang. Während die Mörder Ernst Thälmanns in Westdeutschland niemals bestraft wurden, wurde der Verantwortliche für die Ermordung von John Schehr und Genossen, der Sturmbannführer Bruno Sattler, 1947 in Berlin gefasst (übrigens unter Mitwirkung von Erich Mielke) und 1952 zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er starb 1972 in einem Leipziger Gefängnis.

Und schließlich zu unseren Helden – und was Helden ausmacht – ein Zitat von Georgi W. Plechanow, einem der Begründer der Arbeiterbewegung in Russland: „Der große Mann (und natürlich die große Frau) ist eben ein Beginner, denn er blickt weiter als die anderen und sein Wollen ist stärker als bei anderen. Er weist die neuen gesellschaftlichen Bedürfnisse auf, die durch die vorhergegangene Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugt worden sind; er ergreift die Initiative zur Befriedigung dieser Bedürfnisse.

Er ist ein Held. Held nicht in dem Sinne etwa, dass er den natürlichen Gang der Dinge aufhalten oder ändern könnte, sondern in dem Sinne, dass seine Tätigkeit der bewusste und freie Ausdruck dieses notwendigen und unbewussten Ganges ist. Darin liegt seine ganze Bedeutung, darin seine ganze Kraft. Das ist aber eine gewaltige Bedeutung, eine ungeheure Kraft.“

Erklärung des Vorstands der VVN-VdA

Eine Teilnahme mit Fahnen der VVN-BdA an der Demonstration in Leipzig am 17.01.2026 wird KameradInnen der VVN zum Vorwurf gemacht.

Wir, der Vorstand der VVN-VdA (ehemals Westberlin) danken den KameradIinnen ausdrücklich für ihre Teilnahme an dieser Aktion zur pro-palästinensischen Solidarität.

Propalästinensische Solidarität ist von Seiten des deutschen Staates zunehmend diskriminiert. Zunehmend will der Apparat des Nachfolgestaats des 3. Reiches wieder bestimmen, wer ein „guter“ Jude und was Antisemitismus ist. Die Verbotsandrohung gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ spricht Bände. Deutsche Staatsräson steht in gewohnter Nibelungentreue hinter dem Unrecht, der Zerstörung und dem Morden, wie sie derzeit von der Netanjahu-Regierung mit Unterstützung der Imperialisten aus USA, UK, Frankreich, Italien und eben auch der BRD betrieben werden.

Die Demonstration in Leipzig-Connewitz hat sich gegen die Solidarisierung mit der Netanjahu – Regierung und den in ihr vertretenen Faschisten und Chauvinisten gerichtet und auch gegen das gewalttätige Vorgehen gegen propalästinensische Migranten. Eine solche Solidarisierung mit der Netanjahu-Regierung und diesem Vorgehen gegen Migranten ist eine Schande und auch eine Verneigung vor den nach Militarisierung, Aufrüstung, Expansion strebenden Kräften hierzulande. Und es ist auch Förderung des von den Faschisten geschürten Rassismus und Fremdenhasses. Wir erinnern an die bis zu ihrem Tod Ehrenvorsitzenden der VVN-BdA Esther Bejarano und Kurt Goldstein, die entschiedene Antifaschisten und Antizionisten waren. Wir erinnern an die von ihnen mitinitiierte „Berliner Erklärung Schalom 5767“:

„Das Grundübel ist die seit 1967 andauernde israelische Besetzung palästinensischen Gebiets. Die Besetzung bedeutet Entwürdigung und Entrechtung der Palästinenser. Sie lähmt ihr wirtschaftliches, politisches und soziales Leben. Darüber hinaus verhindert dieses täglich neu erlebte Unrecht einen friedlichen Ausgleich des alten Unrechts, das den Palästinensern mit der Vertreibung von 1948 angetan wurde. All dies treibt die Spirale der Gewalt an. Es ist an der Zeit, diese Spirale zu durchbrechen und einer dauerhaften Friedenslösung den Weg zu bereiten, die

– dem palästinensischen Volk ein selbstbestimmtes Leben in Würde ermöglicht,

– beiden Nationen die Existenz in international anerkannten Grenzen sichert,

– die gesamte Region befriedet und dadurch die ganze Erde friedlicher und sicherer werden lässt.“

Berlin, 20.2.2026

Vorstand der VVN-VdA


Berliner Erklärung „Schalom 5767“ im Wortlaut:

Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2007, S.250-252

Otto-Grüneberg-Ehrung 2026

Vor 95 Jahren wurde am 1.2.1931 der Jungkommunist und Aktivist in der ‚Roten Jungfront‘ des illegalisierten Rotfrontkämpferbundes, Otto Grüneberg von Mitgliedern des SA-Sturm 33 (Maikowski) vor seiner Wohnung in der Schlossstraße (im Volksmund wurde dieses damalige rote Arbeiterviertel auch mit Hochachtung „Kleiner Wedding“ genannt) in Charlottenburg erschossen. Er war nicht der erste Tote im antifaschistischen Kampf in Charlottenburg. Mehr als 10.000 Menschen begleiteten seinen Sarg (und den von Max Schirmer, KPD) zum Friedhof Friedrichsfelde.

Aus diesem Anlass hielten etwa 70 Anwesende deutlich mehr als eine Stunde aus bei eisiger Kälte und kämpferischen Reden von insgesamt 8 Rednerinnen und Rednern. (Uwe Bröckl, Vorstand VVN-VdA Berlin; Enrico Brehm, Bezirksvorstand Die Linke; Christoph Wapler, MdA Die Grünen; Olivia Schmitt, DKP; Uwe Hiksch, stv. Landesvorsitzender Die NaturFreunde; Timur Saric, SPD-Bezirksverordneter; Flip, FaJOC; Max Renkl, Freundeskreis Ernst Thälmann). Musikalisch begleitet wurde die antifaschistische Veranstaltung des Bündnisses unter Federführung der Westberliner VVN-VdA von den VORWÄRTS Liederfreunden mit kämpferischen Liedern der Arbeiterbewegung.

Inhaltliche Schwerpunkte der Reden waren die Forderungen nach einem Verbot der AfD, Kampf gegen staatliche Repressionen und den geplanten Um- und Abbau des Sozialstaats, sowie gegen den weiteren Ausbau des staatlichen Repressionsapparates. Ganz wichtig seien alle Aktionen gegen die geplante und schon begonnene Wehrertüchtigung und Kriegsmobilisierung und gegen die irrsinnigen Rüstungsausgaben zu Lasten des Sozialen. Alle jungen Männer wurden aufgefordert, den Wehrdienst zu verweigern.

Der Abschlussredner vom Freundeskreis Ernst Thälmann, Max Renkl, forderte dringend dazu auf, im Kampf gegen die Rechtsentwicklung von Gesellschaft und Staat Trennendes beiseite zu schieben und als Antifaschistinnen und Antifaschisten gegen die reaktionäre Entwicklung in Deutschland zusammenzuarbeiten. Mit dem recht neuen, von Vielen dank ausgeteilter Liedertexte textsicher mitgesungenen Songs „Wir sind das Bollwerk gegen Nazis“ klang die Veranstaltung aus.

Rüdiger Deißler



Rede von Flip (FaJOC):

https://fantifacharlottenburg.noblogs.org/gedenken-an-otto-grueneberg-redebeitrag-zum-01-02-2026/


Rede von Olivia Schmitt (DKP):

Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde,

wir stehen heute hier, um Otto Grünebergs zu gedenken – eines jungen Kommunisten, der sein Leben im Kampf gegen den Faschismus ließ. Mit nur 22 Jahren wurde er am 1. Februar 1931 vor seiner Haustür von SA-Männern überfallen und erschossen. Er hatte sich gewehrt, er hatte Zeugenschaft gegen Faschisten übernommen, er hatte seinen Kiez verteidigt – und er wurde ermordet.

Seine Mörder kamen mit lächerlichen Strafen davon. Einer wurde freigesprochen, die anderen nach wenigen Monaten entlassen. Zehn Monate Haft für ein ausgelöschtes Leben. Zehn Monate, die vorwegnahmen, was kommen sollte: die Herrschaft des Hitler-Faschismus, der millionenfache Mord.

Aber wir sind nicht nur hier, um zu erinnern. Wir sind hier, weil Ottos Kampf nicht vorbei ist. Weil das, wofür er starb, heute wieder aktuell ist – und weil wir eine Wahl haben: schweigen oder kämpfen.

Vor kurzem, am 5. Dezember, gingen 55.000 Menschen in über 70 Städten auf die Straße. Sie sagten Nein zur Aufrüstung, Nein zur Wehrpflicht. Zehntausende Schülerinnen und Schüler bestreikten ihren Unterricht, unter Androhung von Verweisen, unter Polizeiaufgebot. Sie ließen sich nicht beirren. Ihre Botschaft war klar: Wir geben unser Leben nicht für ihre Kriege.

Was damals Otto widerfuhr – Einschüchterung, Gewalt, staatliche Repression –, erleben heute junge Menschen wieder. Wer sich weigert, wer Nein sagt zur Militarisierung, wird sanktioniert. Wer für den Frieden streikt, riskiert Verweise. Währenddessen werben Soldaten in Klassenzimmern, normalisiert sich die Rhetorik der „Kriegstüchtigkeit“. Das ist kein Zufall. Das ist System.

Schon Karl Liebknecht sagte vor über hundert Jahren: „Die Schule ist in ihrem Gesamtcharakter ein politisches Propagandamittel für den Krieg, ein Hilfsinstrument der Kriegswirtschaft, ein Werkzeug der Kriegsfinanzen. Sie ist ein besonderes Mittel zur Erziehung für den Krieg!“

Was damals galt, gilt heute wieder. Schulen sollen keine Orte freien Denkens sein, sondern Orte der Anpassung. Sie sollen junge Menschen früh auf Gehorsam trimmen, auf Opferbereitschaft, auf nationale Interessen. Die Seelen der Jugend, wie Liebknecht sagte, werden eingefangen, zugunsten des Kapitalismus, zugunsten des Militarismus.

Otto Grüneberg hat das nicht einfach hingenommen. Er hat sich organisiert , im Roten Frontkämpferbund, im Häuserschutz, er hat Nachbarn verteidigt. Er wich keinen Zentimeter. Er wusste: Wer den Faschismus bekämpfen will, muss ihn beim Namen nennen und muss sich wehren.

Heute erleben wir wieder faschistische Tendenzen: reaktionären Staatsumbau, bewaffnete Rechtsradikale, Hetze gegen Migrantinnen und Migranten, Abschiebegesetze, die Menschen ins Elend stoßen, und natürlich die Militarisierung der ganzen Gesellschaft. „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“: das darf keine Floskel bleiben. Das muss unsere politische Praxis werden.

Doch ich sehe auch Hoffnung. Hoffnung in der Jugend, die aufsteht. Hoffnung in denen, die wie Otto nicht schweigen. Die sich weigern, Kanonenfutter zu werden. Die verstehen, dass Kriege nicht aus Missverständnissen entstehen, sondern aus einem System, das Profite über Menschen stellt.

Rosa Luxemburg schrieb: „Die Massen sind das entscheidende Element, sie sind der Fels, auf dem der endgültige Sieg der Revolution gebaut wird.“
Und Karl Liebknecht rief: „Ich sage Ihnen: Selbst die geistige Befreiung der Arbeiterklasse, ihre Befreiung von den Fesseln geistiger Unterdrückung, kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Und es ist unsere Aufgabe, der Arbeiterklasse aller Länder auch bei dieser Gelegenheit zuzurufen: „An die Arbeit!“

Also: Tun wir was wir unseren Genossen versprochen haben und gehen an die Arbeit! Lasst uns die Schulstreiks unterstützen. Lasst uns auf die Straße gehen gegen die Militarisierung. Lasst uns in den Betrieben, in den Schulen, in den Nachbarschaften Widerstand organisieren. Nicht nur gegen die Wehrpflicht – gegen das ganze System, das den nächsten großen Krieg vorbereitet.

Otto Grüneberg hat sein Leben gegeben. Er hat nie heiraten können, nie Kinder haben, nie reisen, nie einfach nur lachen. All das wurde ihm genommen. Aber sein Kampf geht weiter – in uns.

Wir schwören dir, Otto:
Wir werden dein Erbe tragen. Wir werden kämpfen – für dich, für alle Gefallenen, für eine Welt ohne Faschismus, ohne Krieg, ohne Ausbeutung. Wir werden nicht zulassen, dass dein Tod umsonst war.

Der Sozialismus wird siegen – weil wir ihn erkämpfen.

Heraus zum nächsten Schulstreik! Heraus auf die Straße! Kein Fußbreit den Kriegstreibern!

Otto Grüneberg, lebendig in unserem Kampf!


Rede von Max Renkl (Vorsitzender des Freundeskreises „Ernst Thälmann“ Ziegenhals-Berlin)

Danke für die Möglichkeit hier sprechen zu dürfen. Mein Name ist Max Renkl, ich bin Vorsitzender des Freundeskreises „Ernst Thälmann“ Ziegenhals Berlin.

Es freut uns sehr, dass wir heute hier gemeinsam dem jungen Arbeiter und Kommunisten Otto Grüneberg gedenken. Gemeinsam, das heißt über ideologische und weltanschauliche Grenzen, über Partei- und Organisationsgrenzen hinaus, gedenken wir hier als Antifaschistinnen und Antifaschisten einem der unsrigen, der von den braunen Schläger- und Mörderbanden ermordet wurde. Wir gedenken dem kommunistischen Arbeiterwiderstand – nicht gerade üblich in West-Deutschland und West-Berlin. Bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland stand der Antikommunismus Pate. Ich muss hier nicht die personelle Kontinuität zwischen Nazi-Deutschland und der BRD in Parteien, Bundestag, in Medien, Justiz, Polizei, Militär einzeln aufzählen. Ehemalige NSDAP-Mitglieder bauten die junge BRD mit auf, schrieben ihre Gesetze, prägten ihre Institutionen. In einem solchen Deutschland war kein Platz für ein ehrendes Gedenken an Kommunisten oder Sozialdemokraten, da war kein Platz für Denkmäler, die dem opferreichen Arbeiterwiderstand gegen das Hitlerregime in Deutschland gewidmet waren. In einem solchen Deutschland wurde die KPD 1956 verboten und SPD-Politiker als „Handlanger Moskaus“ öffentlich diffamiert. In diesem Deutschland dauerte es bis in die 80er Jahre hinein, bis jemand wie von Stauffenberg überhaupt geehrt wurde. Bis dahin galt der Hitler-Attentäter als Vaterlandsverräter und Deserteur.

Wie ehren heute hier Otto Grüneberg, einen jungen Kommunisten, einen Arbeiter – nicht zum Selbstzweck. Dieses Gedenken muss zur Tat werden, indem wir verstehen, dass wir als Antifaschistinnen und Antifaschisten – unabhängig von Weltanschauung und Partei- und Organisationsmitgliedschaft – zusammenstehen müssen. Die Nazis machen zwischen uns Antifaschisten keinen Unterschied. Wann beginnen wir eigentlich ernsthafte Schritte aufeinander zu? Wir müssen keine Freunde fürs Leben werden, wir müssen nicht mit allem einverstanden sein, was jemand aus einer anderen Partei oder Gruppe sagt. Aber wir müssen es meines Erachtens verstehen, dass es niemand anderes gibt als uns Antifaschistinnen und Antifaschisten und: Das wir es jeweils alleine nicht schaffen.

Wenn wir nicht wollen, dass es abermals die Nazis sind, die uns auf Friedhöfen, in ihren Lagern und Folterkellern „vereinigen“, dann müssen wir uns – allen Unterschieden zum Trotz – gegen den aufkommenden Faschismus zusammenschließen. Die größte Ehre würden wir dem vor 95 Jahren ermordeten Otto Grüneberg erweisen, indem wir uns als eine antifaschistische Front begreifen, die zusammenstehen und handeln muss. Kein Vergeben, kein Vergessen. Tod dem Faschismus!

Beerdigung von Victor Grossman

Im August habe ich noch mit ihm zusammen und acht anderen Kameradinnen und Kameraden gesessen bei unserem „Arbeitskreis Frieden“ der Berliner VVN-BdA. Wir trafen uns seit 2015 monatlich, Victor war regelmässig dabei mit seinen umfassenden politischen Einschätzungen und seinem monatlich in englisch verfassten Rundbrief, den er per EMail weltweit verbreitete. Victor war zum Schluss körperlich etwas eingeschränkt, aber geistig völlig frisch. Er starb ja auch nicht etwa „nach langer Krankheit“, wie sonst oft gehört, sondern ganz simpel an einer Lungenentzündung, vermutlich, weil er nicht genug auf sich geachtet hat.

Die wirklich berührende Trauerrede in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs hielt Sevim Dagdelen vor etwa 150 Trauergästen. Politisch wichtig und richtig, aktuell und inhaltlich-menschlich wunderbar. Es wurde zwischendurch aus Heinrich Heine gelesen und Musik eingespielt von Pete Seeger und Woody Guthrie ( „Walking down Death Row“, „Will you miss me ?“). Und von Paul Robeson zum Schluss: „Going Home“. Auch, unvermeidlich, Ernst Buschs „Spaniens Himmel“. Sehr bewegend.

Viele alte Genossinnen und Genossen und Kampfgefährten aus dem Osten, die über 90-jährige, rüstige Laura von Wimmersperg und andere von der Leitung der Friedenskoordination (Friko) Berlin, ex-MdB Gesine Lötzsch, Vertreterinnen der Kommunistischen Plattform der Partei Die Linke, der Victor angehörte, eine Abordnung der „Freunde und Kämpfer für die Spanische Republik“, denen Victor sehr verbunden war, zeigten die Originalfahne der XI. Brigade (Thälmann-Brigade) der Internationalen Brigaden, viele alte VVN-Mitglieder. Niemand vom Linke-Parteivorstand, niemand vom -Landesvorstand, obwohl Victor trotz grundlegender Kritik bis zum Schluß Linke-Mitglied blieb. Tageszeitung Junge Welt mit eigenem Kranz und dem Duo Arnold Schölzel / Dietmar Koschmieder, (Neues Deutschland war leider nicht offiziell vertreten) einige US-amerikanische Linke, die hier leben.

Übles Glatteis auf dem Friedhof, nicht gestreut, Victors Urnengrab nicht weit von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Er hat es so verdient, hier zu liegen.

Im Anschluß luden die beiden Söhne zum Imbiss in die Kantine des Berliner Ensemble.

Rüdiger Deißler

Protest gegen die rechtswidrigen Sanktionen gegen Jacques Baud

Mit ihrem jüngsten Sanktionspaket hat die EU den Militärhistoriker und ehemaligen Oberst der Schweizer Armee und des Schweizer Strategischen Nachrichtendienstes sowie Mitglied des Schweizer Generalstabs Jacques Baud mit Sanktionen belegt. Jacques Baud ist Schweizer Staatsbürger und lebt in Brüssel. Er darf Belgien nicht mehr verlassen, sein Vermögen wurde beschlagnahmt, seine Konten sind eingefroren, seine Bücher dürfen nicht mehr verkauft werden.

Jacques Baud hat unter anderem für die NATO und die Vereinten Nationen gearbeitet. Er ist ein untadeliger Wissenschaftler und ein Ehrenmann. Seine Bücher erfüllen die höchsten Maßstäbe der fachlichen historischen Analyse. Er arbeitet strikt neutral nach dem Grundsatz: Beide Seiten müssen gehört werden.

Es ist kein Verbrechen, die wahren Gründe des Ukraine-Krieges zu nennen. Es ist kein Verbrechen, die Leser auf Unwahrheiten und die eigene Propaganda der EU und der NATO aufmerksam zu machen. Es ist kein Verbrechen, auf die gedankenlose Kooperation des Westens mit ukrainischen Kräften hinzuweisen, die eine gefährliche Nähe zu Faschisten aufweisen.

Der Ministerrat der EU zerstört mit willkürlichen Strafmaßnahmen gegen Jacques Baud und insgesamt gegen 59 Journalisten und Wissenschaftler die Grundlagen der Meinungsfreiheit.

Diese Sanktionen sind illegal und völkerrechtswidrig, denn sie wurden nicht durch den UN-Sicherheitsrat verhängt. Das Gutachten der ehemaligen Richterin am Europäischen Gerichtshof Prof. Dr. Ninon Colneric und der Rechtswissenschaftlerin Prof. Dr. Alina Miron von der Universität Angers zeigt, dass die zugrundeliegenden Rechtsakte auch gegen EU-Recht verstoßen. Die EU nutzt die Sanktionsliste als Instrument, Kritiker mundtot zu machen, und manövriert sich immer tiefer in einen Abgrund der Gesetzlosigkeit.

Wir rufen das Europäische Parlament, die Parlamentarische Versammlung des Europarates, den Deutschen Bundestag, die deutschen Landes- und Kommunalparlamente, das gesamte deutsche Volk und die Menschen in allen Ländern der Europäischen Union auf, den Zerstörern der Demokratie und den Kriegstreibern jetzt mit aller Macht entgegenzutreten.

Die Präambel des Grundgesetzes verpflichtet Deutschland, dem Frieden zu dienen. Das Grundgesetz legt in Artikel 5 fest: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Die Handlungen von EU-Kommission und EU-Rat stehen im Widerspruch zu unserem Grundgesetz. Wir fordern die Bundesregierung auf, gemäß ihrem Amtseid auf diesen ungesetzlichen Vorgang hinzuweisen.

Wir fordern die sofortige Aufhebung der illegalen Sanktionen gegen Jacques Baud sowie gegen alle Journalisten, Wissenschaftler und EU-Bürger.

Wir fordern Bundesregierung und EU auf, konstruktiv am Frieden in der Ukraine mitzuwirken und alle verfassungswidrigen Versuche einzustellen, den Krieg zu verlängern.


Unterschriftensammlungen:

Erklärung des AK Frieden: Pdf


Ähnliche Sanktionen hat die EU gegen den Journalisten Hüseyin Doğru verhängt, siehe z.B. https://www.nachdenkseiten.de/?p=135478.


Kontokündigungen erfolgten Ende 2025 u.a. gegen die DKP, die Rote Hilfe, das Anarchist Black Cross Dresden und Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung, im Februar 2026 auch gegen verschiedene Gliederungen der VVN-BdA.