Die Werner-Seelenbinder-Gedenktafel in Neukölln

Gesamtansicht der Gedenktafel

Seit dem 30.9.2024 ist die Gedenk- und Informationstafel am Eingang des Werner-Seelenbinder-Sportparks in der Neuköllner Oderstraße zu besichtigen. Sie war im Juli 2017 von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen worden (vgl. BVV-Drucksache 0140/XX) und entstand nach langen Jahren der Verzögerung als Zusammenarbeit zwischen Karin Korte (Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport), Prof. Dr. Oliver Rump (Museologe, HTW Berlin), Matthias Heisig (Historiker) und der VVN-VdA.


Hier der Text der Tafel:


Werner Seelenbinder

Ringer, Kommunist, Widerstandskämpfer

02.08.1904 – 24.10.1944

Am 29. Juli 1945 fand hier in dieser Sportanlage das erste Neuköllner Sportfest nach der Befreiung vom Faschismus statt. Damals gedachten mehrere Tausend Menschen der von den Nazis misshandelten und ermordeten Arbeitersportler und -sportlerinnen. An diesem Tag erhielt die Urne mit der Asche des Ringers Werner Seelenbinder ein Grab am Haupteingang der Anlage und das Stadion den Namen „Werner-Seelenbinder-Kampfbahn“.
Das Einzel-Ehrengrab von Werner Seelenbinder außerhalb eines Friedhofs ist eine von wenigen Ausnahmen in Deutschland.

Ringer, Arbeitersportler und Kommunist

Werner Seelenbinder wurde am 2. August 1904 in Stettin (heute Szczecin, Polen) geboren und wuchs in Berlin auf. Er war aus Überzeugung Arbeitersportler und seine Disziplin der Ringkampf. Seit 1920 trainierte Seelenbinder im Neuköllner Sportclub Berolina und siegte 1925 bei der ersten Arbeiterolympiade in Frankfurt/Main. Die Arbeitersportbewegung sah sich als Gegenpol zu den bürgerlichen Sport-vereinen. Im Arbeitersport ging es weniger um den Leistungsgedanken. Im Mittelpunkt standen Geselligkeit, Gemeinschaft und die politische Arbeit.
1928 nahm Seelenbinder an der 1. Internationalen Spartakiade in Moskau teil und gewann wieder im Ringkampf. Im selben Jahr wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).

Gedächtnis-Kundgebung für die Opfer des faschistischen Terrors auf der Werner-Seelenbinder-Kampfbahn 9.9.1945

Olympiateilnehmer und Widerstandskämpfer

Nach der Machtübertragung 1933 an die Faschisten lösten diese die Arbeitersportvereine auf und verhafteten allein in Berlin hunderte ihrer Mitglieder – auch Seelenbinder, der inzwischen im Auftrag der KPD zu einem bürgerlichen Sportverein gewechselt war. Als „bürgerlicher Sportler“ gewann er bis 1941 sechsmal die deutsche Meisterschaft und nahm an Wettkämpfen m Ausland teil. Doch seine Kontakte und Reisen nutzte er für illegalen Widerstand: Er schmuggelte geheimes Material, berichtete im Ausland über die Zustände in Nazideutschland und sorgte im In- und Ausland für Verbindung unter seinen Genossen.
Im August 1933 zeigte er öffentlich seine Ablehnung der Hitler-Diktatur, indem er bei der Siegerehrung zu seiner ersten deutschen Meisterschaft den Hitlergruß verweigerte. Danach wurde er für einige Tage im Gestapo-Gefängnis Columbia-Haus am Tempelhofer Feld eingesperrt und erhielt eine 16-monatige Trainings- und Wettkampfsperre.
Aufgrund seiner starken Leistungen konnte er – trotz Inhaftierung und Sperre – an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teilnehmen.
Bei den Spielen war mit der illegalen Leitung der KPD der Plan abgesprochen, dass er im Falle eines Sieges mit einer Rundfunk-Rede gegen Hitler protestieren würde. Da er jedoch nur den vierten Platz erreichte, kam es nicht dazu.
Seit 1938 stand Seelenbinder im engen Kontakt zu Robert Uhrig, dem Leiter der größten antifaschistischen Widerstandsgruppe der KPD in Berlin. Seelenbinder half u.a. beim Aufbau eines Netzes von Widerstandsgruppen vor allem in Berliner Betrieben mit.
Bei der Zerschlagung der Gruppe durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) wurde auch Werner Seelenbinder am 4. Februar 1942 festgenommen. Nach 33 Monaten Haft und Folter in verschiedenen Zwangslagern und Zuchthäusern wurde er am 24. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden mit dem Fallbeil ermordet.

Werner Seelenbinder beim Training mit Karl Binder bei der AEG Treptow 1936 (Sportmuseum Olympiastadion Berlin)

Mahnung und Erinnerung

Wenige Wochen nach der Bestattung und Ehrung Werner Seelenbinders demonstrierten rund 60.000 Berlinerinnen und Berliner am 9. September 1945 in 30 Märschen aus allen Groß-Berliner Stadtteilen zur ersten großen Gedenkkundgebung für die Opfer des Faschismus zur Werner-Seelenbinder-Kampfbahn.
Auf der Westseite des Stadions war dazu nach einem Entwurf des Berliner Stadtbaurates und Architekten Hans Scharoun ein provisorisches Denkmal gebaut worden. Vor dem Hintergrund zweier schräger Sockel erhob sich eine rund zehn Meter hohe Dreieckspyramide mit den Buchstaben KZ an ihrer Spitze. Der „Tag der Erinnerung und Mahnung“ ist seitdem stets am ersten Sonntag im September eine jährliche Gedenkveranstaltung für die Opfer des Faschismus.
Die Werner-Seelenbinder-Kampfbahn verlor jedoch bereits 1948 ihren Namen. Seelenbinder galt als Kommunist in der Zeit des „Kalten Krieges“ in West-Berlin dieser Ehre für unwürdig. Die Westberliner Ämter verwendeten nur noch die Bezeichnung „Stadion Neukölln“. Doch die jährlichen Gedenkfeiern am Grab von Werner Seelenbinder wurden durch politische Gruppen wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) weiterhin durchgeführt, häufig behindert von Polizei, Bevölkerung und Lokalpolitik.

Werner Seelenbinder mit „Schmuggelkoffer“ 1937 auf einer Turnierreise

Mit dem Grabstein, den das Bezirksamt Neukölln zum zehnten Todestag von Seelenbinder setzen ließ, zeigte sich 1954 ein erster Sinneswandel. Doch die Namensehrung erhielt das Stadion erst nach jahrelangen Bemühungen von Initiativen, Gruppen und politischen Parteien im Oktober 2004 zurück.
Im Mai 2008 wurde Werner Seelenbinder in die virtuelle Ruhmeshalle des deutschen Sports, der Website „hall-of-fame-sport.de“, aufgenommen. 64 Jahre nach seiner Ermordung erhielt der Ringer und Widerstandskämpfer damit Anerkennung in ganz Deutschland

Briefmarke: „Werner Seelenbinder 1904 – 1944“, Deutsche Post der DDR, Entwurf: Gerhard Stauf, Oswin Volkamer, Ausgabetag: 27. Mai 1963